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Kurze Historie zur Stadt Seattle und dem Häuptling, nach dem sie benannt worden ist:
Am 13ten September 1851 landen die ersten Weißen Siedler am Strand des heutigen Alki Beach. Ein Jahr später stößt der Arzt Swinton zur Siedlergruppe um den Stadtgründer David Denny vor und freundet sich mit dem Häuptling der dort lebenden Duwamish Indianer, Sealth (Seathl), an.
Weil die Weißen den Namen des Häuptlings kaum aussprechen können, nennt ihn Swinton schließlich Seattle.
Da Häuptling Sealth ein beeindruckender Mann ist und um ihn zu ehren, benennen die Weißen ihre Siedlung im Gebiet der Squamish oder auch Duwamish nach dem Häuptling.

Vier Jahre später gehen die ersten Farmen in der Umgebung in Flammen auf. Ein zu den Duwamish zählender Nachbarstamm hat den weißen Eindringlingen den Krieg erklärt. Die überlebenden Siedler retten sich nach Seattle.
Die US Navy entsendet daraufhin ein Kriegsschiff, das in einem Regen von Kanonenkugeln die Dörfer der Ureinwohner an der Küste und an den Stränden platt macht. – Nicht einmal ein Jahr später ist der Krieg vorbei und der Stamm der Quinalt der erste, der an die Nordwestküste zwangsumgesiedelt und in ein Reservat gesperrt wird.

Häuptling Sealth stirbt schon 1866. Die ihm zuzuordnenden Rede "Meine Worte sind wie die Sterne ..." ist meist falsch übersetzt und vieles von der Bitterkeit des alten Mannes, der in dieser Rede den Niedergang der Kultur der Indianer und der Lebensweise der Stämme beklagt, wurde von weißen christlichen Übersetzern (hier für seine Verfälschung besonders zu erwähnen: John M. Rich – lassen Sie bloß die Finger davon) beschönigt und sogar absichtlich verdreht.

William Arrowsmith, Literaturwissenschaftler und Philologe, hat anhand seiner Kenntnisse indianischer Sprachen und der indianischen Sprach- und Dichtkunst, die erste bekannte Übersetzung des Dr. A. Henry Smith (1887) aufgemöbelt und entstaubt. Er hat versuchte, die ursprüngliche Schönheit und Kraft von Sealths Rede wiederherzustellen und den Kern der Rede, die Sealth im übrigen nicht für oder vor dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, sondern vor und für sein eigenes Volk hielt, offenzulegen.

Arrowsmith betont, daß es sich dabei um keine Übersetzung im engeren Sinn handeln kann, sondern nur um den Versuch einer Rekonstruktion der ursprünglichen Rede Sealths.
Wie schreibt Arrowsmith selbst in seinem Buch:
"Unter der Patina literarischer Rhetorik ist ein Text verborgen, den meiner Meinung nach kein Weißer jener Epoche verfaßt haben kann. Zusätze, poetische Verschönerungen und gutgemeinte Verbesserungen verhüllen einen harten Kern komplizierter und scheinbar mühelos hervorgebrachter Dichtung und Gedanken, die das Merkmal indianischer Rhetorik dieser Epoche sind. – Zugegeben, keine der offiziellen Mitschriften einer Rede von Sealth vermittelt den Eindruck echter Sprachkraft, aber zu seiner Zeit hielt man Sealth für einen außergewöhnlichen Redner, und die Rede, die Smith überliefert hat, ist einzigartig. Smith versichert und betont zudem, daß sich Sealth sich bei dieser Gelegenheit geweigert hat, seine Rede in Pidgin-Englisch oder Chinook zu halten."
(Anmerkung des Webmasters: Dies sind ausdruckslose, einfache Kunstsprachen, die ursprünglich entwickelt wurden, um eine gemeinsame Sprachbasis bei Verhandlungen zwischen Händlern und Indianern zu finden. Leider wurden diese Kunstsprachen später oft bei Verhandlungen mit den Indianern bevorzugt, wenn es um wichtige Landangelegenheiten ging. Dadurch wurden die Indianer in eine viel schlechtere Verhandlungsposition gezwungen).

Hier ein paar Auszüge aus Sealth Rede, in der er vermutlich den Empfindungen der Stämme zu jener Zeit eine Stimme gibt. – Vergessen wir nicht, was zur damaligen Zeit geschehen war. Die Weißen waren von jenseits des Ozeans wie eine unaufhaltsame Flut ins Land eingedrungen und hatten die Indianer immer weiter zurückgedrängt und alles gestohlen, was ihre Kultur ausmachte: Ihre Lebensgrundlagen, ihre Gesundheit, ihre Religion, ihre Heimat und mit dem "Geschenk" des Alkohols am Ende auch noch ihre Würde.)

Erinnern Sie sich an Sealth Worte, wenn Sie ein Reservat betreten und sich über die trostlosen Zustände dort wundern (ich selbst empfand die wenigen Reservate, die ich gesehen habe, meist als deprimierend – wie stumme anklagende Zeugnisse einer entwurzelten, zerstörten Kultur). Und wundern Sie sich nicht, wenn sie den unterschwelligen Eindruck haben, nicht willkommen zu sein . Es könnte sein, daß dem so ist! Akzeptieren Sie es einfach - die Indianer haben mehr als genug Gründe, Ihnen wegen Ihrer Hautfarbe zu mißtrauen oder den Kontakt zu Ihnen abzulehnen. - Lassen Sie Ihnen wenigstens diese Wahl ...

Sealth:

"Euer Gott liebt euer Volk und haßt das meine. Er legt seinen starken Arm um den weißen Mann und führt ihn bei der Hand, wie ein Vater seinen Sohn führt. Er hat seine roten Kinder vergessen, (wenn sie wirklich seine sind. Unser Gott, der Große Geist, scheint uns auch vergessen zu haben) ..."
Und weiter heißt es:
"... Jetzt sind wir Waisen und niemand ist da, der uns hilft. Wie können wir da Brüder sein? Wie kann euer Vater unser Vater sein ...
... Euer Gott hat seine Wahl getroffen. Er kam zum weißen Mann. Wir haben ihn nie gesehen, nicht einmal seine Stimme gehört. Er gab uns des weißen Mannes Gesetze, nie aber hatte er ein Wort für seine roten Kinder übrig ..."

Und Sealth betont ausdrücklich die Unterschiede zwischen den Völkern:
"Nein, wir sind zwei getrennte Rassen, und getrennt müssen wir bleiben. Es gibt nicht viel, was uns verbindet ...
... Euere Religion wurde auf steinerne Tafeln geschrieben, mit dem eisernen Finger eines zornigen Gottes, damit ihr sie nicht vergeßt. – Das kann der rote Mann nicht verstehen, noch im Gedächtnis bewahren.
Unsere Religion, das sind die Traditionen unserer Ahnen, die Träume unserer alten Männer, die ihnen in den stillen geheiligten Stunden der Nacht vom Großen Geist geschickt werden und die Visionen unserer Häuptlinge. – Und so ist es in die Herzen meines Volkes geschrieben."

Sealth sucht nicht nach einem Konsens, sondern versucht sein Volk vor der Barbarei und Gier der Weißen schützen, indem er einem Kampf ausweicht. Seine bittere Erkenntnis ist:

"... Nein, Tag und Nacht können nicht miteinander leben. Der rote Mann floh stets vor dem eindringenden Weißen, so wie der wallende Morgennebel am Berghang vor den Strahlen der Sonne flieht.
Jedoch, euer Vorschlag scheint berechtigt zu sein. Und ich denke, daß mein Volk ihn annehmen und sich in das angebotene Reservat zurückziehen wird. Dann werden wir getrennt und in Frieden leben.
Denn die Worte des Großen Weißen Häuptlings scheinen wie die Stimme der Natur zu sein, die zu meinem Volk aus tiefer Dunkelheit heraus spricht – jener Dunkelheit, die sich schnell um uns wie dichter Nebel zusammenballt, wenn er von der mitternächtlichen See landeinwärts zieht.
Es ist gleich, wo wir den Rest unserer Tage verbringen. – Es sind nicht mehr viele.
Die Nacht der Indianer wird dunkel sein. Keine Sterne erhellen den Horizont. Der Wind ist traurig. Ein grimmiges Schicksal ist auf des roten Mannes Fährte. Und wo immer er Zuflucht sucht, überall hört er den nahenden Schritt seines Jägers und er macht sich zum Sterben bereit, wie ein waidwundes Wild sich bereit macht, seinem tödlichen Schicksal entgegenzusehen.

Nur wenige Monde mehr, wenige Winter mehr – und kein einziger, der mächtigen Stämme, die einst das weite Land füllten oder in glücklichen Heimstätten, beschützt vom Großen Geist, lebten, und die jetzt in versprengten Gruppen durch die weite Einsamkeit umherstreifen, wird übrig sein, um über den Gräbern unseres Volkes zu weinen, das einst ebenso mächtig und hoffnungsvoll war wie das euere.
Aber warum soll ich klagen, warum mit dem Schicksal meines Volkes hadern? Völker bestehen aus Menschen, nichts anderem. Menschen kommen und gehen wie die Wogen der See. – Eine Träne, eine Totenklage, und sie sind unserm sehnsuchtsvollem Blick für immer entschwunden.
Selbst der weiße Mann, dessen Gott mit ihm wandert, und der wie ein Freund zu einem Freund mit ihm spricht, ist von dem gemeinsamen Schicksal nicht ausgenommen.

Wir könnten Brüder sein, trotz allem. – Wir werden sehen ..."

An dieser – zugegeben – etwas versöhnlichen Stelle verlassen wir die Rede des Häuptlings Sealth.

Von der Kultur des roten Mannes sind nur Fragmente erhalten geblieben. Die Situation der heutigen Ureinwohner ist nach wie vor gespannt. Immer noch müssen sie um selbstverständliche und ureigenste Rechte kämpfen – und viel zuviele – besonders in den Vereinigten Staaten – haben keine Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Situation.

Was aus dem Reichtum und der Vielfältigkeit ihrer verschiedenen Kulturen, von den unzähligen unterschiedlichen Sprachen übriggeblieben ist, sind nur hier und da ein paar hübsch exotisch klingende Namen auf der Landkarte. Ein paar US Staaten, ein paar Städte und einige Landstriche, die in der Sprache der einstmals dort ansässigen Stämme benannt worden sind. – Und das ist alles, was noch an das Unrecht und den Völkermord erinnert, der den Ureinwohnern Amerikas widerfahren ist.

Erinnern Sie sich daran, wenn Sie an den "amerikanischen Traum" denken, an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. - Für die Menschen, die vor den weißen christlichen Eroberern diesen Doppelkontinent ihre Heimat nannten, gab es nie einen amerikanischen Traum ... für sie war die Ankunft der Europäer der Beginn eines immer noch andauernden Alptraums.
Nie wird der weiße Mann allein sein. Darum soll er gerecht sein und meinem Volk sein Recht lassen.
Auch die Toten haben Macht.
Die Nacht der Indianer
wird dunkel sein.

Keine Sterne erhellen
den Horizont.

(Copyright: mariasmultiverse.de)
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