Kapitel 4: Betrug und Verrat
Ein Klopfen an Hermines Tür unterbrach ihre Meditation. Zu gleichermaßen verärgert wie auch verwundert blickte sie auf und rief:
Ich fühle mich nicht gut. Bitte laßt mich einfach in Ruhe. Wir sehen uns heute Abend beim Abendessen."
Immer noch über die Störung verwundert starrte sie auf die Tür. Eigentlich sollen alle ihre Klassenkameraden im Unterricht sein.
Hermine, ich bin es, Molly. Laß mich rein", dumpf drang Mrs Weasleys Stimme von jenseits der Tür. Es ist wichtig."
Rons Mutter? Ein Schwenk des Zauberstabs und die Tür öffnete sich.
Die rothaarige Frau stand vor dem Zimmer und schien unschlüssig darüber zu sein, ob sie eintreten sollte oder nicht. Die ansonsten so resolute Frau wirkte seltsam unsicher und war blaß. An ihren Augen erkannte Hermine, daß sie geweint hatte.
Sofort verschwand Hermines Unmut, sie stand vom Bett auf und ging Mrs Weasley entgegen.
Kommen Sie rein, Mrs Weasley, was ist geschehen?"
Molly warf schnell einen Blick auf den Gang, als wolle sie sich vergewissern, daß sie keiner sah. Dann kam sie ins Zimmer und schloß die Tür hinter sich.
Ist alles in Ordnung mit - ähem - allen?" bei den vielen Weasleys hätte Hermine nicht gewußt, nach wem sie zuerst hätte fragen sollen.
Es geht uns gut - so weit", sagte Molly leise, und kaum daß sie es gesagt hatte, schossen ihr Tränen in die Augen. Schnell holte sie ein Taschentuch aus ihrer großen Handtasche und wischte sie weg. Hermine stand reichlich ratlos da und wußte nicht, was sie tun oder sagen sollte. Warum war Mrs Weasley hier?
Hat es etwas mit dem Orden zu tun?" fragte sie und kaum daß sie den Satz beendet hatte, wurde Mrs Weasley bleich, nickte und sah sich nach einer Sitzgelegenheit um.
Kommen Sie", murmelte Hermine, nahm sie bei der Hand und zog sie zum Bett. Sie setzten sich. Was ist los?"
Mrs Weasley zerknäulte das Taschentuch in ihrer Hand und schluckte. Sie sah Hermine nicht an, starrte einfach nur auf ihre Hände, die nervös am Taschentuch zupften.
Mrs Weasley?" drängte Hermine, die nun ebenfalls nervös wurde. Bitte ... schickt Dumbledore sie?"
Mrs Weasley schüttelte den Kopf und stammelte dann kaum verständlich:
Ich habe einen entsetzlichen Fehler gemacht, Hermine. Oh Gott -", sie schlug sich beide Hände vors Gesicht und ihre Schultern zuckten. Hermine legte ratlos ihren Arm um Mollys Schultern und dann kam ihr ein Verdacht.
Großer Gott!" dachte sie entsetzt. Das konnte nicht wahr sein. Das durfte es nicht!
Ich schwöre dir, Hermine", klang es dumpf zwischen Mrs Weasleys Händen hervor, ich hätte nie gedacht, daß es so weit kommen würde. Ich habe damals nur mit Sluggie darüber geredet. Woher hätte ich denn -. Ich meine, wie hätte ich -?
Ron hatte es mir per Flohpulver im Kamin des Hauptquartiers gesagt. Sluggie war nur wenig später vorbeigekommen. Und ich war so nervös, daß ich mit irgendjemand darüber reden mußte! Ich hielt es für eine blöde Idee. Warum ausgerechnet die Schlange? Sie hatte Arthur fast getötet und ist so etwas wie Sein Liebling. Ich wollte, daß Sluggie euch den Blödsinn ausredet. Ich konnte doch nicht wissen, daß es eine geheime Sache war. Ron hatte nichts gesagt. Ich wußte nicht, daß es geheim bleiben sollte. Sluggie gehört doch zu uns, oder?"
Hermines Augen hatten sich vor Verblüffung geweitet. Snape hatte mit Molly nicht unrecht gehabt, doch offensichtlich war es nicht so einfach, wie er geglaubt hatte. Molly Weasley war nicht freiwillig zur Verräterin geworden. Anscheinend gab es im Orden einen weiteren Verräter - und dieser schien es freiwillig zu sein.
Mrs Weasley", begann Hermine. Doch die rothaarige Frau schüttelte nur den Kopf um damit anzudeuten, daß sie nichts hören wollte. Schließlich hob sie den Kopf und sah Hermine aus verquollenen Augen an.
Hermine", sagte sie mit belegter kratziger Stimme. Ich weiß Bescheid."
Hermine wurde blaß. Wenn Mrs Weasley Bescheid wußte und dennoch hier war, dann bedeutete das -. Molly Weasley nickte, wie um ihre Gedanken zu bestätigen.
Ja", sagte sie. Ich werde dafür in die Hölle kommen. Denn was ich tu, ist unentschuldbar. Ich verrate alles, woran ich geglaubt habe, alles, wofür ich gekämpft habe und das, wofür meine Brüder gestorben sind. Aber -"
Sie brach ab und holte schluchzend Luft.
Ich kann nicht mehr, ich bin müde. Ich will so nicht mehr weitermachen. Es ist jetzt zwei Jahre her, da wäre Arthur fast gestorben, als ihn die Schlange im Ministerium erwischt hatte, und im letzten Jahr Bill, als wir den Anschlag auf Dumbledore verhindert haben. Vor knapp einem halben Jahr war es Ron", sie schlug sich die Hand vor den Mund um ihr Schluchzen zu unterdrücken.
Ich ertrage es nicht länger, Hermine. Die Angst bringt mich um! Ich kann nicht zulassen, daß auch nur einer mehr aus der Familie stirbt. Meine Brüder sind tot, so viele, die ich liebte, sind tot ... ich kann nicht mehr, ich bin müde. Es ist, als ob mein Herz stückchenweise gestorben ist - und jetzt ..."
Wieder wurde sie still.
Es tut mir so leid, was dir passiert ist. Hätte ich es doch nur verhindern können. Ich weiß, daß du das hier auch nicht freiwillig machst." Molly wischte sich die Tränen aus den Augen, wurde wieder gefaßter.
Sie werden gewinnen", stellte sie schließlich fest. Und wir beide wissen warum", fuhr sie fort. Sie gewinnen, weil sie unsere Liebe wie eine Waffe gegen uns richten. Sie gewinnen, weil sie wissen, wie sie uns ins Herz treffen können.
Hätten sie mich damals nicht wissen lassen, wo ich Ron finden konnte, er wäre tot. Aber hätte ich mein Kind sterben lassen sollen, nur um ihnen nicht diese Macht über mich zu geben? Hätte ich das tun sollen? Wie hätte ich es tun können?
Natürlich wußte ich, daß diese Information ihren Preis hatte. Aber ich hatte gehofft, daß es niemals so weit kommen würde. Hatte gehofft, diesen Preis nie zahlen zu müssen."
Mrs Weasley lachte, und es klang fast schon manisch - in Wirklichkeit war es nur ein bitteres, ein verbittertes Lachen.
Die närrischen Hoffnungen einer verzweifelten Mutter! Natürlich wußte ich, daß ich mich damit eines Tages zur Verräterin machen würde. Aber - es ging um mein Kind, meinen Jungen", flüsterte sie. Mein jüngster Sohn wurde vermißt. Hätte ich ihn sterben lassen sollen, wo ich doch wußte, wie ich ihn retten konnte?"
Hermine schüttelte den Kopf. Auch ihr waren Tränen in die Augen getreten.
Mrs Weasley hatte Recht. Die Todesser wußten, wohin sie zu zielen hatten. Sie wußten, an welchen Fänden sie zu ziehen hatten. Doch Mrs Weasley wußte nicht alles.
Warum sind sie hier, Mrs Weasley?" fragte sie abermals.
Molly Weasley sah mit müden verquollenen Augen auf. Ihr Blick war nun stumpf und bar jeder Hoffnung.
Es gibt genügend andere in Hogwarts, die dir das hätten geben können", sagte sie und fing an, etwas aus ihrer Handtasche herauszuwühlen.
Aber Sluggie sagte, es sei Sein Wunsch, daß du es weißt", sie stockte und schluckte, um nach einem tiefen resignierten Seufzer fortzufahren. Du sollst wissen, von wem die Information kam, die dazu führte, daß du schließlich den Todessern in die Hände gefallen bist. Du sollst wissen, daß du niemandem im Orden trauen kannst."
Die rothaarige Frau zog eine Pralinenschachtel aus ihrer Handtasche und Hermine verwirrt eine Braue hoch.
Wurden schlechten Nachrichten seit neustem mit Schokolade serviert?
Frag mich nicht", sagte Molly und gab ihr die Schachtel. Ich weiß nicht, was es ist. Aber es ist das, was ich dir geben soll."
Hermine nickte und schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen. Tröstende Worte würden nur unglaubhaft und verlogen klingen. Und Molly Hoffnung zu machen, konnte nur gefährlich sein.
Doch schließlich sagte sie in die drückende Stille hinein:
Ich werde auf Ron und Ginny aufpassen. Ihnen wird nichts passieren. Das verspreche ich."
Molly nickte dankbar. Leise hörte Hermine sie fragen:
H-Harry?"
Sie schüttelte nur den Kopf, und Mrs Weasley schluchzte leise, flüsterte erstickt:
Ich liebe ihn von ganzem Herzen, das weißt du, nicht wahr? Er ist der beste Freund meines Sohnes, der Freund meiner Tochter. Er war für mich immer ein Teil der Familie und unsere Hoffnung auf einen Sieg. Aber ich habe keine Hoffnung mehr. Und so sehr ich ihn liebe ..."
Ich weiß", unterbrach Hermine sie und nahm Mrs Weasleys Hand. Ich weiß ... Es ist nicht fair, entscheiden zu müssen, wen man für das Leben der eigenen Kinder opfert. Sie haben Recht, Mrs Weasley. Sie töten uns - mit unserer Liebe ..."
Und dann griff sie nach ihrem Zauberstab.
Imperio!"
Molly Weasley hatte keine Chance zu widerstehen. Hermine sagte ruhig:
Heute Abend gehen Sie zu Dumbledore und erzählen ihm alles. Sie werden niemand anderem von unserm Gespräch, von Sluggie oder dem Verrat am Orden berichten. Sie werden alle Fragen Dumbledores wahrheitsgemäß beantworten. Und Sie werden ihm sagen, daß ich Sie mit dem Imperiusfluch belegt habe. Er wird wissen, was zu tun ist. Bis Sie heute Abend bei Dumbledore waren, werden ganz normal weitermachen. Haben Sie verstanden, Mrs Weasley?"
Die rothaarige Frau nickte und lächelte Hermine freundlich an.
Aber natürlich, Liebes", sagte sie, stand auf und ging. Zurück blieb eine erschütterte Hermine Granger, die nun mehr denn je wußte, warum Voldemort niemals gewinnen durfte.
****
Die Pralinenschachte entpuppte sich als Behälter für Portschlüssel. In der Schachtel waren statt Pralinen 35 Steine, ein einfaches Begleitschreiben in Snapes Handschrift war diesem beigelegt.
Portschlüssel.
Aber natürlich, dachte Hermine. Warum war sie nicht schon früher darauf gekommen? Schließlich hatten auch James und Sirius dort unten einen Portschlüssel benutzt. Und Dumbledore hatte sie, Harry, Ron und Ginny mit einem Portschlüssel aus Hogwarts heraustransportiert, als Arthur Weasley vor zwei Jahren so schwer verletzt worden war. Portschlüssel funktionierten offensichtlich in Hogwarts wie auch im Labyrinth.
Doch woher wußte der Dunkle Lord davon? Was wußte Lord Voldemort über das Labyrinth?
Hermine dachte kurz über die anderen Versionen ihrer selbst nach. Sie dachte an jenen Draco, der behauptet hatte, er hätte sie in seiner Welt geheiratet. Wäre das überhaupt ohne das Einverständnis des Dunklen Lords möglich gewesen? Sicherlich nicht.
In dieser Welt waren Harry, Dumbledore und Snape gestorben. Der Dunkle Lord hatte überlebt. Doch warum hatte sie in jener Welt überlebt? Was war dort im Labyrinth in der Nacht von Harrys Tod geschehen? Warum hatte jener Lord Voldemort diese andere Hermine am Leben gelassen? Welchen Nutzen zog er aus dem Leben des Schlammbluts Granger?
Voldemort wußte etwas. Und Hermine kam zum Schluß, daß er etwas über diese andere Hermine wissen mußte. Dieser Monsterhermine, die ihm so sehr ähnelte. Vermutlich war er zu so etwas wie ihrem Mentor geworden. Hatte sie in ein Monster verwandelt wie sich selbst.
Hermine kroch bei diesem Gedanken eine Gänsehaut über ihren gesamten Körper. Allein die Möglichkeit, daß dieses Monster irgendwo in ihr steckte, tief im Dunkel ihrer Seele verborgen, dort wartete und auf seine Zeit lauerte - war unvorstellbar. Sie mußte alles daran setzen, daß Voldemort vernichtet wurde. Nur dann würde sie frei sein. Frei von dem Flüstern in ihrem Innern, diesem verräterischen Wispern, das nach Macht strebte, ja geradezu danach gierte!
Hermine sah auf die Schachtel in ihren Händen und zögerte nicht länger. Sie begab sich ins Labyrinth um die Portschlüssel und die Halle der Entscheidung aneinander zu binden. Zwei Stunden später stand sie in Snapes Räumlichkeiten, um ihre letzten Vorbereitungen für den Kampf zu treffen.
Es war Abend geworden. Alles war vorbereitet. Hermine sah zufrieden auf das kleine Arsenal der vor ihr aufgereihten Fläschchen und Zauberkugeln. Zwanzig der Fläschchen würde sie unter den Schülern verteilen, und zwar am besten schon morgen. Es hatte sie einige Überlegungen gekostet, wie sie es am Besten anstellen konnte, ihre Machtübernahme" ohne viel Blutvergießen über die Bühne zu kriegen. Snapes Tränke hatten sich als die beste und einfachste Lösung herausgestellt. Seine Unterweisungen in den Dunklen Künsten machte sich mehr und mehr bezahlt.
Sie betrachtete sich die von ihr angefertigten Kugeln. Eine der Murmeln stach aus aus der Mitte der dunklen, meist schwarzen Kugeln hervor.
Sie schimmerte mattsilbern, leuchtete wie eine Perle. Es war ihr Meisterstück. Der Zauber, auf den sie am meisten stolz war. Vom Moment der Planung bis zum Augenblick der Fertigstellung hatte sie stets gewußt, für wen diese Kugel bestimmt war. Es war Snapes Kugel. Es sollte seine Lebensversicherung sein.
Leider hatten die Zutaten nur für diese eine ausgereicht. Doch allein daß sie dieses Unikat geschaffen hatte, erfüllte sie mit Zufriedenheit und Stolz.
Hermine dehnte und streckte sich. Sie war von Ruhe und Frieden erfüllt.
Sie hatte alle ihre Vorbereitungen abschließen können, Dumbledore war gewarnt und was als nächstes geschah, lag nicht mehr in ihrer Hand. Den Startschuß zum Finale würde der Dunkle Lord selbst geben.
Hermine ging zum Schreibtisch und blickte kurz auf die Karte der Marauder. Sie mußte Draco die Portschlüssel übergeben. Sie suchte nach ihm und fand seinen Namen schließlich im Steinkreis am Waldesrand stehen. Er war allein. Anscheinend hatte er das Bedürfnis nach Einsamkeit gehabt. Es war der perfekte Ort, um ihm die Schlüssel zu überreichen. Sie nahm ihren Rucksack und machte sich auf den Weg.
****
Als Hermine den Steinkreis erreichte, färbte sich der Himmel langsam rot. Es war tagsüber ungewöhnlich warm gewesen und ein sanfter Wind strich über die alten Hügel.
Der kleine Spaziergang hatte Hermine gut getan. Sie hatte einen anstrengenden Tag hinter sich gelassen. Angefangen von ihrem Gespräch am Morgen mit Dumbledore bis hin zu Mrs Weasleys Geständnis des Verrats am Mittag. Und schließlich war der Tag mit dem Abschluß ihrer Vorbereitungen für den Kampf geendet.
Hermine war sich ihrer Anspannung nicht bewußt gewesen, doch der Anblick der Natur, der Duft der wilden Kräuter und der Heide, wie auch der Wind in ihrem Haar hatten sie erfrischt und für den Moment alle Sorgen von ihr genommen. Und so war sie völlig entspannt, als sie in den Steinkreis trat.
Draco saß auf einem der umgefallenen Steine in der Mitte und starrte auf den See in der Ferne. Er schien völlig in seine Gedanken versunken zu sein.
Hey, Draco!" begrüßte ihn Hermine, und dieser blickte auf, wirkte für einen Moment verwirrt. Hermine legte ihren Rucksack ab und setzte sich neben ihn, sah nun ebenfalls auf das glitzernde Wasser des Sees.
Dieser Abend hatte etwas ruhiges, dachte sie. Es war wie die geheimnisvolle Ruhe vor dem Sturm. Es war die Zeit vor der Entscheidung.
Hast du dich jemals gefragt", begann der blonde junge Mann neben ihr ohne ein Wort der Begrüßung, wie die Entscheidungen, die wir in unserem Leben treffen, unser Schicksal beeinflussen?"
Hermine schnaubte.
Puhh, Schicksal ...", sagte sie und wischte sich kurz den Schweiß von der Stirn.
Also ich weiß nicht, ob ich an ein Schicksal glaube. Aber woran ich glaube ist, daß wir unser Leben durch die Entscheidungen bestimmen, die wir treffen, beziehungsweise die wir uns weigern zu treffen. Ob darin allerdings ein Schicksal zu finden ist, weiß ich nicht ..."
Sie starrten beide in das flammende Farbenspiel am Horizont, während die Sonne langsam hinter den Bergen versank. Die Amseln aus dem nahegelegenen Wald sangen, und hier und da zirpte ein Grille im Gras. Friedvolle Stille umgab sie. In Hogwarts gingen die ersten Lichter an und am dunkler werdenden Horizont tauchten die erste Sterne auf.
... dann glaubst du, daß wir immer eine Wahl haben?" fragte Draco nach einer Weile leise.
Ja", Hermine nickte nachdenklich. Ich denke, daran glaube ich."
Sie lehnte sich zurück und bemerkte, daß der Stein immer noch angenehm warm war. Dann verschränkte sie sich die Arme hinter dem Kopf, sah in den Himmel und ebenso leise wie zuvor Draco, fuhr sie fort:
Ich zum Beispiel habe in dem Moment meine Wahl getroffen, in dem ich Dolohow getötet habe. Ich hätte ihn nicht töten müssen, hätte mich weigern können. Vielleicht hätte mich der Dunkle Lord getötet, vielleicht auch nicht. Tatsache ist, wir werden es nie erfahren, denn ich hatte meine Wahl getroffen. Ich hatte mich für Dolohows Tod entschieden.
Weißt du, ich glaube, es ist besser, selbst eine Entscheidung zu treffen, als andere über einen entscheiden zu lassen. Denn egal wie man es dreht und wendet. Man kann sich nie heraushalten. Selbst wenn man glaubt, keine Entscheidung zu treffen, wenn man glaubt, sich irgendwie heraushalten zu können, trifft man am Ende doch eine Entscheidung. Man entscheidet sich dafür, andere über sich entscheiden zu lassen.
Und das ist eine Vorstellung, die mir nicht schmeckt. Ich möchte meine Entscheidungen selbst treffen können. Ich brauche niemanden, der für mich entscheidet, der für mich denkt. Wenn ich für etwas geradestehen muß, dann will ich, daß es aufgrund meiner eigenen Entscheidung so ist, und nicht aufgrund der Entscheidung von anderen.
Ich glaube, die Leute, die Angst vor Entscheidungen haben, haben auch Angst davor, Fehler zuzugeben. Sie fürchten sich davor, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Das sind in meinen Augen nur Schwächlinge, Feiglinge. Die werden niemals etwas anderes sein als Mitläufer oder schlimmer noch: Opfer. Ich aber bin Gryffindor. Ich bin weder das eine noch das andere. Ich wähle mir meinen Weg selbst!"
Inzwischen war das letzte Rot am Himmel von der Nacht verschlungen worden. Nur noch ein paar helle Streifen am Horizont jenseits der Berge kündeten vom vergangenen Tag. Hermine drehte ihren Kopf Draco zu.
Sein Gesicht war nur schemenhaft zu erkennen. Allein das Weiß seiner Augen glitzerte in der Dunkelheit und Hermine wußte, daß sie in diesem Moment um Dracos Seele stritt.
... und du, Draco. Was glaubst du?"
Der junge Mann sagte nichts, starrte sie nur stumm an. Dann legte auch er sich zurück, starrte zu den Sternen.
Kühl und unberührt von aller menschlichen Torheit glitzerten sie am Horizont. Die Milchstraße zog sich wie ein unruhig schimmerndes diamantbesetzt Band über den Himmel. Es war um sie herum still geworden. Keiner von ihnen bemerkte die beiden Augenpaare, die der kleinsten ihrer Bewegungen aufmerksam folgten.
Wenn ich das nur wüßte", flüsterte Draco. Ich bin Slytherin, und wie du weißt unterscheiden sich die Eigenschaften unserer Häuser beträchtlich.
Ich hatte niemals angenommen, auch nur eine Wahl zu haben! Ich hatte geglaubt, mein Leben sei vorbestimmt gewesen, von dem Moment an, in dem ich geboren wurde. Es war klar, daß ich in die Fußstapfen meines Vaters treten würde. Das war so gewiß wie der Sonnenaufgang am Morgen."
Und was hat sich an dieser Vorstellung inzwischen geändert? Hat sich denn was daran geändert?"
Wieder blieb es still zwischen ihnen. Nichtmenschliche Ohren spitzten sich, in einem schwarzen Augenpaar spiegelten sich die Sterne wieder, während in einem anderen sich das Licht der Nacht reflektierte.
Schließlich sagte Draco:
Ich weiß es nicht ... aber ... ja, irgend etwas hat sich geändert. Ich kann dir nicht einmal sagen, was es ist. Vielleicht ist es auch nur mein Blickwinkel, der sich geändert hat ... aber plötzlich sehe ich Dinge, entdecke ich Möglichkeiten, die ich vorher nicht wahrgenommen habe. Und zum ersten Mal verstehe ich, daß ich der Herr über mein Leben und über all meine Entscheidungen bin. Kein anderer."
Sie wußten beide, daß Draco nicht riskieren konnte, mehr zu sagen. Und so blieben sie still nebeneinander liegen und starrten weiterhin in den klaren Sternenhimmel.
Draco?"
Ja?"
Würde es dir etwas ausmachen, mich in den Arm zu nehmen? Ich fühle mich so einsam. Ich fühle mich ... allein ..."
Der junge Mann drehte sich Hermine zu und schenkte ihr einen langen, und wie es schien, sehr nachdenklichen Blick. Und auch wenn sich Hermines Augen inzwischen an die Dunkelheit angepaßt hatten, wurde sie aus Dracos Blick trotzdem nicht schlau.
Komm", flüsterte er dann, und er klang wie heiser. Hermine rückte näher, kuschelte sich an ihn, während Draco, Slytherin und ihr einstiger Gegner, den Arm um sie legte und ihr zögernd übers Haar strich.
Hermine fühlte in diesem Moment eine seltsame Geborgenheit in sich aufsteigen und wünschte sich, dieser Augenblick des Friedens und der Hoffnung würde niemals vorübergehen.
Können zwei wie wir jemals Freunde werden?" fragte sie flüsternd und konnte die Verwunderung in ihrer Stimme nicht unterdrücken.
Ich weiß nicht ...", antwortete Draco leise. Vielleicht ..."
Und dann lagen sie still beieinander, sahen in das gleißende Sternenmeer über sich und jeder von ihnen hing seinen eigenen Gedanken nach.
Aber vielleicht dachten sie auch gar nichts. Vielleicht fühlten sie sich einfach nur der Unschuld und der Zärtlichkeit, die in ihrer Umarmung lag, wohl. Und wer weiß, vielleicht wurde ihnen beiden in diesem Moment bewußt, das es zwischen ihnen hätte mehr geben können.
Und Hermine erkannte, daß irgendwo in einer fernen fremden Zukunft, es eine Welt gab, in der sie und Draco Malfoy einander geheiratet hatten.
Später als sie zurückgingen, drückte Hermine Draco ihren Rucksack in die Hand.
Du findest darin etwas, was für unsern Herrn bestimmt ist. Bringe es ihm am besten noch heute. Du kannst ihm sagen, alles ist vorbereitet. Er muß nur noch den Zeitpunkt bestimmen. Den Rucksack kannst du mir später zurückgeben. Ich glaube nicht, daß du mit einer Pralinenbox in der Hand gesehen werden willst."
Pralinen?" fragte Draco verwirrt.
Denk nicht weiter darüber nach", sagte sie, gib ihm einfach die Schachtel. Und um alles zu seiner Zufriedenheit zu arrangieren, brauche ich eine Zeitfenster von wenigstens vier Stunden. Schneller wird es sich nicht bewerkstelligen lassen. Aber von mir aus, können wir ab jetzt an jedem Tag starten. Ehrlich gesagt will ich die ganze Sache so schnell wie möglich hinter mich bringen."
Draco nickte. Auch er wollte es beenden. Er glaubte, seine Wahl getroffen zu haben und wollte nicht länger darüber nachdenken.
Nur wenig später erhob sich vom Rand des Waldes in unmittelbarer Nähe zum Steinkreis ein Rabe und flog lautlos zurück ins zentrale Hochland Schottlands.
Ein rotbrauner Kater eilte unsichtbar und wie ein Schatten in der Nacht zurück nach Hogwarts. Er traf dort noch vor Hermine ein.
****
Das löwenmähnige Mädchen betrat den Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Es war still und nur das Feuer im Kamin knackte leise. Niemand schien mehr anwesend zu sein, was Hermine nicht wunderte. Es war spät geworden. Krummbein kam ihr mit einem leisen Mauzen entgegen und sie bückte sich, nahm ihn auf den Arm.
Na du kleiner Räuber ...", flüsterte sie ihm zärtlich zu, und kraulte ihm den Nacken. Der große Kater schnurrte laut und zufrieden. Aus dem Sessel vor dem Kamin erhob sich Harry.
Hey, Hermine. Wie geht es dir?"
Harry!" rief sie überrascht. Ich hab dich gar nicht gesehen. Was machst du noch hier? Hast du auf mich gewartet?"
Yep. Ich wollte mal hören, wie es dir geht. Wir haben uns schon seit Tagen nicht mehr gesehen."
Yeah", antwortete sie leise. Aber ich bin auch nicht gerade in bester Stimmung. Hatte ich auch Ginny gesagt. Wo ist sie, und wo steckt Ron? Glaubt er immer noch, ich sei so eine Art trojanisches Pferd?"
Harry wirkte mit einem Mal bedrückt, sagte:
Komm, setzt dich zu mir ans Feuer. Es ist was Schlimmes passiert. Ron und Ginny sind noch im Krankenflügel."
Hermine kam mit Krummbein im Arm zu Harry und setzte sich neben ihn in den zweiten Sessel. Sie sah ihn besorgt an.
Geht es ihnen gut?"
Ja, den beiden schon. Nicht sie sind es, die dort liegen. Es ist Mrs Weasley."
Hermine sah Harry überrascht und erschrocken an. Molly war doch heute Mittag noch ganz in Ordnung gewesen.
Was ist mit ihr?"
Harry verzog das Gesicht, als ob er Schmerzen hätte, Tränen stiegen ihm in die Augen.
E- es ist schrecklich", stotterte er. Dumbledore hat herausgefunden, das Rons Mom anscheinend schon ziemlich lang unter dem Einfluß des Imperius Fluchs steht und den Todessern Informationen zugespielt hat. Das muß jetzt schon ein halbes Jahr so gehen.
Kein Wunder, daß in letzter Zeit immer alles schiefgelaufen ist. Wir können nur froh sein, daß sie nichts von den Horkruxen weiß. Wenn Mrs Weasley den Todessern gesagt hätte, warum wir hinter Nagini her waren ..."
Yeah", murmelte Hermine und sah Harry an. Aber Snape weiß auch von unserer Jagd nach den Horkruxen. Er hat selbst beim Lokalisieren der Horkruxe mitgeholfen. Wie paßt das zusammen, Harry? Wie kann er darüber Bescheid wissen und der Dun- Voldemort nicht? Bist du immer noch davon überzeugt, daß Snape ein Verräter ist? Er hat dir doch ein paar Mal das Leben gerettet. Warum hätte er das tun sollen? Und jetzt stellt sich sogar heraus, daß Mrs Weasley die Verräterin im Orden war."
Harrys Augen verdunkelten sich. Wütend sagte er:
Was soll das? Es geht hier nicht um Snape! Es geht um Mrs Weasley, um Ron und um Ginny! Kannst du dir vorstellen, was für Vorwürfe sich Mrs Weasley macht? Sie war so außer sich, daß Madam Pomfrey sie mit einem Schlaftrank betäuben mußte. Sie hat nur geweint und ständig gesagt, daß alles ihre Schuld sei. Daß Ron sein Bein verloren hat und du damals verschwunden bist.
Ginny und Ron sind noch völlig durch den Wind, und du kommst mir mit dem Arsch Snape? Es würde mich gar nicht wundern, wenn der Mrs Weasley mit dem Imperius Fluch belegt hätte. Na klar, das paßt doch! Der hat doch gewußt, daß er verschwinden würde, also hat er noch für einen Informanten gesorgt! Nicht Rons Mutter ist die Verräterin, sondern Snape! Schließlich konnte Mrs Weasley nichts für ihren Verrat. Es ist alles nur Snapes Schuld! Er hat das so geplant!"
Hermine versenkte ihr Gesicht in den Händen und Krummbein sprang ihr vom Schoß. Gott, das war so frustrierend! Würde Harry denn nie damit aufhören? Würde der Professor für immer Harrys ganz persönlicher Sündenbock bleiben?
Du hast recht", sagte sie schließlich, als sie wieder aufsah. Es tut mir leid. Es geht hier nur um die Weasleys. Wie haben Ron und Ginny es aufgenommen, wie der Rest der Familie? Sind sie da?"
Hab ich doch gesagt", brummte Harry wieder etwas versöhnlicher. Die sind völlig fertig. Allerdings sind nur Ron, Ginny und Mr Weasley da. Die andern scheinen alle für den Orden unterwegs zu sein. Das ist eine verdammt schlimme Sache, die da passiert ist ..."
Ja", sagte Hermine. Aber - Merlin sei Dank - weiß Dumbledore jetzt, wer der Verräter war. Und auch Mrs Weasley ist wieder frei. Wir können nur froh sein, daß das alles so glimpflich ausgegangen ist."
Und Hermine war froh, daß sich Dumbledore entschieden hatte, Molly zu schützen, indem er sagte, daß sie die ganze Zeit unter dem Einfluß des Imperius Fluchs gestanden hatte. So wußten nur sie drei plus Slughorn, was tatsächlich geschehen war. Und Mollys Geheimnis würde für immer unausgesprochen zwischen ihnen bleiben. Und was Sluggie anging, würde Dumbledore sicherlich eine Lösung finden.
Hermine lehnte sich zurück und starrte ins Feuer. Krummbein sprang wieder zurück auf ihren Schoß und sie streichelte sanft sein Fell. Seine gelben Augen sahen sie groß und traurig an, fast schien es, als wisse der Kater, was passiert war. Sie seufzte leise und lächelte Krummbein zärtlich an. Dann warf sie Harry einen Blick zu.
Auch er starrte geistesabwesend ins Feuer, schien ihre Anwesenheit wieder vergessen zu haben. Irgendwann fielen Hermine vor Müdigkeit die Augen zu und erst als die Tür zum Gemeinschaftsraum zuging, wurde sie wieder wach. Ron und Ginny waren zurückgekommen.
Harry war schon bei den beiden. Hermine stand auf und ging ebenfalls zu ihnen.
Hey, wie geht es euch? Wie geht es eurer Mutter?" fragte sie.
Die Geschwister waren blaß und man sah, daß sie geweint hatten. Harry hatte Ginny in den Arm genommen. Ron versuchte etwas zu sagen, doch kein Ton kam ihm über die Lippen. Statt dessen schossen ihm wieder Tränen in die Augen.
Schon gut", sagte Hermine leise und umarmte ihn. Komm ans Feuer."
Sie zog ihn mit sich, platzierte ihn in den Sessel, in dem sie gerade noch gesessen hatte und setzte sich neben ihm auf die Lehne. Harry und Ginny folgten und während Ginny sich in den Sessel setzte, nahm Harry am Boden vor ihr Platz. Sie blieben alle still, starrten in die Flammen. Schließlich sagte Ron mit einem schuldbewußten Blick zu Hermine:
Ich komm mir wie ein Idiot vor. Die ganze Zeit über hab ich gedacht, daß mit dir was nicht stimmt. Und die ganze Zeit über war es Mom -", seine Stimme brach.
Hermine griff nach seiner Hand, hielt sie fest und drückte sie.
Mach dir deswegen keine Vorwürfe, Ron. Es wird alles wieder gut, du wirst schon sehen. Wichtig ist, daß eure Mutter und ihr euch erst mal wieder beruhigt. Was geschehen ist, läßt sich nicht mehr rückgängig machen, aber ihr werdet das schon überstehen. Eure Familie ist stark. Und wenn ihr zusammenhaltet, kann euch nichts auseinanderreißen. Eure Mom konnte ja nichts dafür. Das dürft ihr einfach nicht vergessen. Sie ist in diesem Krieg nur benutzt worden ... wie so viele ..."
Ron nickte und drückte ebenfalls ihre Hand. Ginny erhob sich, sagte:
Ich bin k.o. und muß jetzt ins Bett. Madam Pomfrey hat uns einen Beruhigungstrunk gegeben, und ich glaube, der fängt jetzt zu wirken an ... machts gut", fügte sie noch an, bevor sie in den Mädchenunterkünften verschwand.
Harry, der den Eindruck hatte, daß Ron und Hermine sich aussprechen sollten, verschwand nach einem kurzen Gute Nacht ebenfalls. Und so saßen nicht einmal fünf Minuten später nur noch Ron und Hermine am Feuer.
Ron gähnte, fuhr sich mit den Händen durchs Haar und sah zu Hermine.
Ich fühle mich schrecklich. Es ist wie ein Alptraum. Mom war so aufgeregt, so voller Schuld ...", er unterdrückte seine Tränen, macht sich solche Vorwürfe ..."
Sein trauriger Blick traf Hermine.
Und ich mach mir furchtbare Sorgen. Was wird geschehen, wenn Sie aus dem Heilschlaf wieder aufwacht? Wie wird sie das alles überwinden? Wie soll sie mit dieser Schuld leben?"
Hermine griff nach Rons Hand.
Es ist nur wichtig, daß ihr zu eurer Mutter steht. Deine Mom wurde benutzt, und das muß jedem klar sein. Aber das ist ja das Schreckliche an diesem Krieg. Er entzweit Freundschaften und zerreißt Familien, bringt nur Mißtrauen und Verzweiflung. Unsere Feinde benutzen unsere Liebe und Fürsorge gegen uns."
Sie verstummte und streichelte nachdenklich Rons Hand, bemerkte die roten Haare auf seinem Handrücken.
Das muß enden! Wir müssen es beenden", flüsterte sie mit vor Leidenschaft heiser gewordener Stimme. Und wir werden es! Nie wieder darf es geschehen, daß Freunde und Familie gegeneinander ausgespielt werden, daß wir gezwungen werden zu entscheiden, wen von unseren Liebsten wir opfern, damit andere, die wir lieben, überleben. Es ist unmenschlich und macht uns zu Handlanger des Bösen."
Sie blickte Ron mit funkelnden Augen an, der sie seinerseits mit großen, vor Überraschung geweiteten Augen anstarrte. Eine traurige Erkenntnis war in seinen Blick getreten. Er entzog ihr seine Hand und starrte sie weiterhin ungläubig an.
Dann stand er langsam auf und trat von ihr zurück. Auch Hermine erhob sich.
Sie wußte, daß Ron in diesem Moment die ganze Wahrheit erkannt hatte.
Jetzt verstehe ich", murmelte ihr Freund mit halb erstickter Stimme. Er starrte sie immer noch ungläubig an, und ein gewaltiger Abgrund schien sich zwischen ihnen aufzutun.
Hermine konnte den Ausdruck in Rons Blick nicht deuten, doch sie rechnete mit dem Schlimmsten. Unauffällig tastete sie nach ihrem Zauberstab.Doch Ron tat etwas, womit Hermine nicht gerechnet hatte.
Er trat auf sie zu, überwand mit einem winzigen Schritt diesen scheinbar unüberbrückbaren Abgrund zwischen ihnen und umarmte sie.
Hermine fühlte sein Zittern. Sie fühlte, wie jeder Muskel in seinem Körper zitterte. Doch gleichzeitig wiegte er sie in den Armen, drückte er sie so fest an sich, als ob er sie zerbrechen wolle. Mit heiserer Stimme flüsterte er ihr ins Ohr:
Du erinnerst dich an alles, nicht wahr?"
Hermine nickte und unterdrückte das Schluchzen, das in ihr aufsteigen wollte.
An alles", antwortete sie mit ebenso heiserer Stimme wie Ron. Und glaub mir, ich wünschte, ich müßte es nicht ..."
Ron nickte und hielt Hermine fest an sich gedrückt, strich ihr übers Haar.
Oh mein Gott, ich bin so ein Idiot gewesen", murmelte er. Es tut mir so leid! Ich hätte es wissen sollen, spätestens in dem Moment, als du mit Dumbledore aus dem Untersuchungszimmer kamst. Die ganze Zeit über ahnte ich, daß irgend etwas nicht stimmte, konnte es tief in mir spüren. Aber ich hätte nie gedacht, hätte nie vermutet, daß du ... du ..."
Er ließ sie los und schniefte. Zögernd griff er nach Hermines linkem Arm. Seine Hand zitterte, als er vorsichtig den Ärmel hochschob, fast so, als würde er den Verband an einer furchtbaren Wunde lösen wollen. Doch dann blickte er verwirrt zu Hermine auf, als ihr blanken Unterarm zu Vorschein kam.
Hermine schloß die Augen und atmete tief durch. Dann schob sie den Ärmel des Hemds über dem rechten Arm hoch und enthüllte ihm das dunkle Mal. Sie war auf alles gefaßt, hielt die Augen geschlossen, um nicht die Abscheu in seinem Gesicht zu sehen.
Doch sie fühlte nur, wie Rons Fingerspitzen sanft die Konturen des Mals abfuhren. Überrascht öffneten sich ihre Augen und ihre Blicke trafen sich.
Halb erwartete sie, Abscheu und Verachtung in Rons Augen zu finden. Doch die Erschütterung in seinem offenem Blick ließ sie erkennen, daß er ahnte, was sie durchgemacht hatte. Und gleichzeitig schien sein stilles Verständnis manche ihrer noch offenen Wunden zu heilen.
Da ist noch mehr", flüsterte sie dann und trat ein wenig von ihm zurück. Ihre Hände zitterten, als sie sich das Hemd aufknöpfte. Ihr war, als müsse sie ihm alles zeigen. All die Zeichen und Narben, die ihre Reise durch die Finsternis in und auf ihr hinterlassen hatte.
Und Ron starrte auf die aus ihrem Körper auftauchenden Zeichen, sah wie sie sich verwandelten, wie sie über ihre Haut wanderten, wieder in ihrem Fleisch versanken und mehr als alles andere ließ ihn das erkennen, wie sehr sich Hermine verändert hatte, was ihr alles angetan worden war.
Ihm wurde klar, daß mit ihr Dinge geschehen waren, die sich nie wieder würden rückgängig machen lassen. Und er wußte, daß er neben Dumbledore der einzige in Hogwarts war, der all dies wußte, dem sie das alles anvertraut hatte.
Zögernd streckte er seine Hand aus. Seine Finger strichen über einige der langen Narben und nach einer Weile suchten seine Augen die ihren. Die Trauer und das Verständnis in seinem Blick schien den Schmerz in Hermine zu lindern, und sie knöpfte sich das Hemd wieder zu.
Frag nicht", flüsterte sie dann. Doch diese Zeichen schützen mich."
Ron nickte in stiller Zustimmung. Etwas ähnliches hatte er sich gedacht. Leise fuhr Hermine fort:
Die Entscheidung steht kurz bevor. Du kannst mir helfen, aber du darfst keine Fragen stellen, Ron. Und vor allem darfst du niemandem, absolut niemandem etwas sagen. Unser aller Leben, besonders aber Harrys, hängt von deinem Schweigen ab. Kann ich mich auf dich verlassen oder soll ich dich das alles vergessen lassen?"
Der rothaarige junge Mann sah sie eine Weile stumm an und in seinem Gesicht arbeitete es. Er schien ein duzend Fragen auf den Lippen zu haben, von denen er jedoch keine einzige aussprach. Hermine konnte regelrecht sehen, wie er vor ihren Augen reifte, wie er mehr und mehr die Gefährlichkeit ihrer Mission begriff.
Schließlich sagte er:
Ich steh auf deiner Seite, Hermine. Wenn Dumbledore dir traut, trau ich dir auch. Ich werde keine Fragen stellen."
Dann schlaf gut", sagte Hermine, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab Ron einen kleinen Kuß. Es ist schön, dich zum Freund zu wissen."
Sie gingen zu Bett und beide hatten sie das Gefühl, daß ihre Freundschaft durch das gefährliche Geheimnis, das sie nun miteinander teilten, erneuert worden war.
****
Am nächsten Tag besuchte Hermine gleich nach dem Frühstück Mrs Weasley. Arthur Weasley saß unrasiert und völlig übermüdet am Bett seiner Frau.
Wie geht es Ihnen, Mr Weasley?" fragte ihn Hermine. Habe Sie die ganze Nacht hier gesessen?"
Der rothaarige Mann nickte. Seine Augen glänzten wie fiebrig und er hielt die Hand seiner schlafenden Frau.
Ich kann sie nicht allein lassen", sagte er. Wer weiß, was sie tun würde, wenn sie zu sich kommt und allein ist."
Hermine zog sich einen Stuhl heran und setze sich neben Mr Weasley.
Warum legen Sie sich nicht einfach in das Bett neben ihrer Frau? Wir können es auch näher heranschieben. Dann sind Sie immer noch bei ihr. Madam Pomfrey wird sicherlich nichts dagegen haben, und sie könnten sich ein bißchen ausruhen. Ihre Frau wird ganz bestimmt noch lange Weiterschlafen, schließlich ist das ein Heilschlaf. Und wenn sie aufwacht, braucht sie einen ausgeruhten Ehemann an ihrer Seite. Wenn sie wollen, kann ich Madam Pomfrey auch noch einmal fragen."
Und mit diesen Worten stand sie auf, wartete erst gar nicht auf eine Antwort von Mr Weasley und ging in Madam Pomfreys Zimmer.
Er will einfach nicht von ihrer Seite weichen", beklagte sich die Krankenschwester als sie Hermine sah, und das, obwohl ich ihm gesagt habe, daß sie allerfrühestens Morgenmittag aufwachen wird. Es war ein sehr starker Trank, den ich ihr gegeben habe, aber das war auch nötig."
Hermine nickte, sagte dann:
Haben Sie etwas dagegen, wenn sich Mr Weasley in das Bett neben seiner Frau legt. Ich denke, so können wir ihn zum Schlafen überreden."
Aber natürlich nicht", antwortete die Krankenschwester. Sie können auch ruhig einen der Paravents vor die Betten schieben. Dann haben die beiden wenigstens etwas Privatsphäre."
Hermine bedankte sich und ging zurück zu Mr Weasley. Ein Schwenk des Zauberstabs und eines der Betten neben Mrs Weasleys Bett schob sich an das ihre. Kaum daß Mr Weasley darin lag, schlief er auch schon ein. Doch selbst noch im Schlaf hielt er die Hand seiner Frau.
Hermine blieb noch kurz sitzen und sah die beiden traurig an. Sie hoffte, daß sie diese schlimme Zeit schnell würden überwinden können. Dann stand sie auf, rollte eine der Trennwände vors Bett und verließ die Krankenstation.
Hermine war wieder in Snapes Räumen. Sie steckte zwanzig Phiolen ein und machte sich auf die Suche nach zwanzig Schülern aus den vier Häusern Hogwarts.
Nicht einmal zwei Stunden später war keines der Fläschchen mehr in ihrem Besitz, und zwanzig ihrer Mitschüler standen unter dem Bann ihres Imperus Fluchs.
Zwanzig - nein, einundzwanzig Mal hatte sie diesen Unverzeihlichen Fluch ausgesprochen, dachte Hermine bedrückt. Askaban rückte immer näher. Und sie fragte sich, ob der Zweck tatsächlich die Mittel heiligte. Doch so kurz vor der Entscheidung, ermahnte sie sich selbst, hatte sie keine die Zeit für Zweifel. Und sie kannte auch keine Alternative.
Nach einem kurzen beruhigenden Spaziergang entlang des Sees ging sie zurück auf ihr Zimmer, um ihre tägliche Meditation zu halten. Keinen Tag hatte sie damit aufgehört, stärkte die Meditation doch ihren Geist und gab ihr die Kraft, nicht zwischen dem Flüstern der beiden Stimmen in sich, zerrieben zu werden.
Disclaimer: Harry Potter Publishing Rights © JKR names, trademarks and related indicia © WB.