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Marias Reisetagebuch Hebriden |
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Lewis
Immer noch war es Sonntag. Und wie ich feststellen sollte, war diese Tatsache pures Glück für mich.
Denn beim Überqueren der "Grenze" von Harris zu Lewis kam ich an einer schier endlos langen Baustelle vorbei.
Die bisher übliche Single Track Road wurde nun zu einer normalen zweispurigen Straße erweitert.
Und bei all den Felsen drumherum ... schien das eine zeitraubende und ausufernde Tätigkeit zu werden.
Doch Dank des Sonntags herrschte gähnende Leere auf der Straße und ich fuhr gemütlich an der laaaangen Baustelle vorbei :-)
Es war später geworden, als ich geplant hatte. Nach der Baustelle fuhr ich zügig Richtung Stornoway (Hauptstadt) weiter. Aber eigentlich hatte ich keine Lust darauf, in Stornoway zu übernachten (Hauptstadtpreise!).
So nahm ich nach Arivruach die Abzweigung in Richtung der Westküste Lewis'. Auf einer meiner Karten war ein Campingplatz auf dem Weg zur Küste verzeichnet und ich dachte mir, mal offiziell zu Campen wäre auch nicht verkehrt (Duschen usw.).
Ich fuhr also weiter bis nach Kershader, wo der Campingplatz sein sollte, und - Überraschung - es keinen gibt, sondern eine unabhängige Jugendherberge namens Ravenspoint.
Einigermaßen enttäuscht stieg ich aus, um mir das Teil mal genauer anzusehen.
Ravenspoint ist eine kleine Herberge mit drei Schlafräumen zu 2 x 4 und ein mal 6 Betten, alle Zimmer im Obergeschoß gelegen. Unten ist die Küche plus WaMa, Trockner etc. Jeweils oben und unten eine Toilette mit Dusche (die obere ist hübscher).
Einen der Schlafräume hatte eine schottische Familie - mit drei sehr lebhaften Jungs - in Beschlag genommen, die anderen Räume waren leer.
Hmmm, begeistert war ich nicht gerade. Denn die drei Jungs, die sich ständig knufften und anschrien, und deren Lieblingsbeschäftigung anscheinend nur im lärmenden Treppe herauf- und herunterrennen bestand, nervten!
Ja, ich gebe es zu: Meine Toleranzgrenze in Bezug zu Kindern wird um so geringer, je müder ich bin. Und inzwischen war ich ziemlich müde ...
Etwas frustriert ging ich zum Auto zurück und fuhr weiter. Immer noch hatte ich die Hoffnung, irgendwo einen netten Strand zu finden, an dem ich zumindest mein Autocamping durchziehen konnte. Mit einer gewissen Sehnsucht dachte ich an den schönen windstillen Strand von Hushinish zurück.
Ich fuhr immer weiter, und auch wenn es landschaftlich wieder mal genau meinem Geschmack traf, so fand ich doch nirgends ein nettes Plätzchen zum Übernachten.
Nach einem kleinen Spaziergang über die felsenübersähte Torf- und Heidelandschaft entschied ich mich, wieder zurückzukehren und im Hostel mein Glück zu versuchen. Außerdem, ich gebe es zu, hat so ein Bett schon einen gewissen Reiz ;-)
Wirkliche Ruhe war immer noch nicht eingekehrt, doch die zwei anderen Räume standen immer noch leer.
Also nahm ich einen der Räume in Beschlag und freute mich insgeheim darüber, ein "Einzelzimmer" im Hostel ergattert zu haben. Da es Sonntag war, würde wohl keiner mehr ankommen.
:-)
So war es dann auch. Schließlich kehrte gegen halb elf dann auch Ruhe ein und ich konnte endlich zu Bett gehen.
Am nächsten Tag, nach einem Frühstück mit Familienanschluß, fuhr ich weiter nach Stornoway.
Lewis' Hauptstadt ist klein, charmant und nach so viel Wildnis hinreisend zivilisiert.
Wieder klapperte ich die Touri-office ab, deckte mich mit Infos über Lewis ein und genoß das Gefühl des hektischen Hauptstadtflairs.
Na ja, seinen wir ehrlich ... hektisch kam es wohl nur mir vor. Die Einsamkeit der vergangenen Tage hatte ihre Spuren hinterlassen ...
Später fuhr ich nach Tolsta, wo die Straße endet, eine Brücke ins Nichts führt und es wieder einmal tolle Strände gibt.
Am Nachmittag war noch allerhand los. Familien veranstalteten Strandpicknicks, Surfer versuchten ihr Glück mit der Brandung und erstaunlich wenig Touristen waren unterwegs.
Vom letzten Strand bei Tolsta führt ein Wanderweg gute 10 Meilen die Küste entlang nach Port Ness, den nördlichsten Punkt der Insel Lewis.
Ich ging nicht den Weg, da ich hätte noch zurückkehren müssen. Zu anstrengend und viel zu spät für eine Wanderung war mein Fazit gewesen. Statt dessen spazierte ich die - nun am frühen Abend - menschenleeren Dünen entlang und lauschte dem ohrenbetäubenden Rauschen der Brandung.
Im Hintergrund versanken die Highlands im Zwielicht der aufsteigenden Dämmerung.
Es wurde kühler und ich fuhr zurück nach Stornoway. In einem Vorort von Stornoway (Laxdale) hatte ich ein Schild zu einem Campingplatz, mit Bunkhouse, gesehen, wo ich übernachten wollte.
Am Campingplatz angekommen fragte ich wie voll das Bunkhouse sei - und siehe da - wieder konnte ich ein Raum für mich selbst haben. :-)
Was ist ein Bunkhouse?
Nichts weiteres als eine Herberge, mit Etagenbetten (im Englischen "Bunk").
Die Räume des Bunkhouses des Campingplatzes sind winzig. Sie bieten vier Schlafplätze pro Raum inklusive vier großer Schließfächer. Zum Bunkhouse gehört eine schöne große Küche, ein gemütlicher Aufenthaltsraum mit Sofas und Fernsehen und natürlich Toiletten und Duschen. Alles in Extrazimmern für die man dann die Schlüssel hat. Die Camper haben ihre eigenen Anlagen.
Mir gefiel es im Bunkhouse Laxdale sehr gut.
Am nächsten Tag führt mich mein erster Weg nach Port Ness, zum Butt of Lewis, dem nördlichsten Punkt der Insel.
Mein Reisetagebucheintrag sagt dazu alles:
"So, heute war ich am Butt of Lewis - was für'n Arsch war *g* Steht halt der Leuchtturm da, sonst nichts aufregendes. Überhaupt kann man sich die Strecke bis Port Ness sparen. Für meinen Geschmack viel zuviel Siedlungen und viel zuviel Zäune.
Das einzig Interessante auf der Strecke war der größte Standing Stone der Western Isles. Leider ist dieser total in einem Farmbetrieb eingebaut. Schade! Er ist trotzdem ziemlich beeindruckend."
An diesem Tag zog ich ein ziemliches Programm durch.
Ich sah mir das Blackhousemuseum in Arnol (teuer) an, kurzer Fotostop beim Walknochen Torbogen (mit Harpune) bei Bragar, fuhr zur nordischen Mühle bei Shawbost, anschließend zum restaurierte Blackhouse Dorf bei Gearrannan (mit Hostel), von dort aus weiter zum Carloway Broch, kleiner Zwischenstop bei den Standing Stones of Callanish (schon mal gesehen. Damals war es besser ...) und dann weiter nach Great Bernera, um dort zu übernachten.
Das Wetter an diesem Tag war nicht gerade toll, und gegen Abend wurde es so richtig mies.
Kurzum: Autocamping war wieder angesagt.
Am Ende der Insel gibt's einen Strand mit Friedhof, Toiletten und dem Replik eines eisenzeitlichen Hauses. Das Original wurde zusammen mit weiteren Häusern 1992 bei den schweren Winterstürmen freigelegt. Nach dem vermessen, kartographieren etc. wurden die Originale wieder zugeschüttet bzw. waren sie nicht mehr zu retten, da sie zu nahe am Meer waren. Das dem Original nachgebaute Replik ist jetzt ein Museum. Natürlich hatte es um die Uhrzeit meines Eintreffens schon geschlossen.
Und so spazierte ich den Strand entlang und besuchte meine Nachbarschaft für diese Nacht auf dem Friedhof. Ich versicherte ihnen, daß ich nichts böses vor hatte und bat sie um ihren Schutz. Immerhin war das meine erste Nacht an einem Friedhof.
Ich finde es ziemlich bemerkenswert, daß die Friedhöfe fast immer in der Nähe der Strände und Küsten sind, und nicht im Landesinnere. Die Friedhöfe haben so gut wie immer einen sagenhaften Meeresblick - irgendwie seltsam anrührend, fast so, als ob die Hinterbliebenen sich und den Toten eine letzte Freude bereiten wollten.
Dafür, daß dieser Strand der letzte Zipfel der Insel war und nirgends ein Haus oder Dorf in der Nähe war, war an diesem Abend ganz schön was los gewesen.
In den Dünen zelteten irgendwelche Leute, neben mir parkte ein Auto mit Teens, die wahrscheinlich gerne übereinander hergefallen wären, wäre ich nicht da gewesen. Vermutlich warteten sie darauf, daß ich endlich abfahren würde. Und ich wartete darauf, daß sie endlich die Kurve kratzten, so daß ich meinen Schlafsack herausholen und mir die Decke über den Kopf ziehen konnte. Na ja, letztendlich siegte ich.
Irgendwann in der Nacht wachte ich auf. Keine Ahnung warum. Schafe waren keine da, die mich hätten wecken können ;-)
Jedenfalls regnete und stürmte es wie wild, und ich war einfach nur froh, in meinem gemütlichen und windgeschützten Auto zu liegen.
Plötzlich rannten zwei regenkapeverhängte Gestalten auf das Auto neben mir zu und verschwanden darin. Ich dachte noch müde schmunzelnd, daß dies die Leute sein müßten, die in den Dünen zelteten und denen es wohl zu naß und zu kalt geworden war.
Das Schmunzeln verging mir jedoch schnell, als die Idioten anfingen um drei Uhr nachts irgend so einen Technokack lautstark abzuspielen. Boom, boom, boom.
Was für Arschlöcher, dachte ich. Da sitzt man mitten in der Nacht im Auto - fast am Ende der Welt - mit Strand, Friedhof, Wind und nichts als Scheißwetter außen rum ... und nicht einmal da hat man seine Ruhe. Wie kann das nur sein??
Ich dachte an "Bernd, das Brot" und gab ihm Recht:
Alles war wie immer, nur schlimmer!
Nach einer Viertelstunde ertrug den Mist nicht länger, krabbelte auf den Vordersitz, öffnete den Schlafsack am Fußende und fuhr (im Schlafsack sitzend) ganz herunter zum Friedhof an den Dünen - ich wollte einfach nur meine Ruhe haben und weiterschlafen.
Doch dem sollte leider nicht so sein.
Die nächsten Stunden verbrachte ich im erschöpften Halbschlaf, weil ich ständig von einem seltsamen hohlen metallischem Geräusch aufgeschreckt wurde.
Ich vermutete, daß sich irgend etwas am Friedhof im Sturm losgerissen hatte und nun irgendwo dagegen klopfte.
Gegen halb sieben gab ich es auf und fuhr wieder hoch. Als ich aus dem Auto stieg und zur Toilette ging, sah ich, daß diese nächtlichen Idioten mir eine Dose Bier auf die Antenne am Dach gesteckt hatten - welche die ganze Zeit über im Wind fröhlich vor sich hergescheppert hatte.
War ich stinkig! Ich wünschte den Säcken die Pest, Hölle und Schafe an den Hals! Sollten sie doch in ihrem verdammten Zelt absaufen!
Ich fuhr weg und frühstückte an einem entlegenem Parkplatz so gegen acht Uhr. Gott-sei-Dank hatte ich noch warmen Tee vom Vortag in meiner Thermoskanne. Und weil ich immer noch so stinkig war, tanzte ich mir den ganzen Frust zu den Klängen von Saltatio Mortis vom Leib. Tat das gut! Der Tag war gerettet!
Wie ging dieser Tag weiter?
Ich fuhr von Great Bernera ganz in den Westen der Insel herunter (und wo die Straße schon wieder endet), lief zuvor den Strand von Uig Sands entlang, unternahm später eine schöne Wanderung Richtung Mealasta, wo ich dann einen halbverwesten Hirschschädel in den Heide- und Moorbergen fand (ich fragte mich, wo der Rest des Körpers war ...), sah einen großen Raubvogel am Himmel (möglicherweise einer der Adler, die es dort geben soll) und wurde auf meinem Rückweg von einer wunderschönen weiß-grauen Eule fast gerammt. Später trieb ich mich noch mal beim Strand von Uig Sands herum und fand einen tollen verlassenen alten Friedhof.
Am Abend war ich dann wieder in Stornoway auf dem Campingplatz, denn am nächsten Tag ging meine Fähre.
Leider gab es kein Plätzchen mehr im Bunkhouse. Also war offizielles Camping angesagt. Doch leider hatte ich die Rechnung ohne die Midges gemacht!
Hier: Sonderseite Midges!
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